Bolenge-Echo Nr. 8

April 2008

Vom 14.-31.3.08 konnte eine 7köpfige Delegation unseres Kirchenkreises den Kirchenkreis Bolenge im Kongo besuchen. Die Delegationsmitglieder waren: Andreas Denda, Jutta May, Rüdiger Pelzer, Dorothea Philipps, Dr.Matthias Schmidt-Klügmann, Adolf Steinker, Christine Walkenhorst.

 

Der wichtigste Eindruck: überall überschäumende Freude

In Bolenge hatten die Menschen den ganzen Tag auf unsere Ankunft gewartet, da sich unser Inlandsflug verspätet hatte. Als wir dann endlich eintreffen, breiten die Frauen die Tücher, die sie normalerweise um ihre Hüften tragen, vor uns aus bis in die Kirche hinein. So sind wir in vielen der 28 Gemeinden und Untergemeinden des Kirchenkreises Bolenge begrüßt worden. Immer folgen dann Gottesdienste ( bis zu 4 Stunden) mit viel Gesang von Gemeinden und Chören und langen Gebeten. Unser Eindruck: der Glaube hat eine tiefe Bedeutung und ist einziger Halt und Hoffnung der Menschen in absoluter Mangelsituation in allen Bereichen.

 

Unsere Geschenke

200 Bibeln und 200 Gesangbücher, verteilt auf alle Gemeinden, alle mit Namensnennung der Spender bzw. der Gemeinden versehen, sowie viele Brillen, Hefte, Seife, Salz, Kugelschreiber etc. Die Bibeln waren so begehrt, dass in einer Gemeinde sofort eine der sieben geschenkten Bibeln gestohlen wurde. Sehr zum Ärger des Pfarrers – für uns eher ein Zeichen, wie kostbar dort eine Bibel ist.

Kirchenpräsident Bonanga: Die Bibel ist das Gewehr des Christen

Außer den bereits verteilten  200 Bibeln konnten wir noch Geld für weitere 135 Bibeln übergeben. Auch sie werden an alle Gemeinden gerecht verteilt.

Allen Dortmundern, die großzügig zur Finanzierung von Bibeln und Gesangbüchern beigetragen haben, herzlichen Dank.

 

Unsere Projekte

Wir haben ausführliche Gespräche mit verschiedenen Frauen und Männern aus 5 Gemeinden führen können, die Geld aus dem Mikrocredit-Programm erhalten haben. Die Bedingung: sie müssen zunächst selbst einen kleinen Betrag angespart haben – so wird die „Kreditwürdigkeit“ getestet. Die Ergebnisse sind erstaunlich: selbst mit kleinen Krediten ( 20 bis 80 USD) können Existenzgrundlagen geschaffen werden wie ein kleiner Fischhandel, ein Meiler zur Holzkohleherstellung, Reparatur eines Kühlschranks und Verkauf kalter Getränke, Kauf eines Sackes Mehl zum Brotverkauf.

Alle berichten, dass sie schon Gewinne gemacht haben, damit neue Ware kaufen, Schulgeld für die Kinder bezahlen und anfangen konnten, Kredite innerhalb von 3 Monaten zurückzuzahlen. Ergebnis: das Mikrokredit-Programm ist ein Erfolgsmodell. Es soll durch weitere Finanzmittel von unserer Seite auf weitere Gemeinden ausgedehnt werden.

Auch das vor 4 Jahren finanzierte  Kuhprojekt ( je 2 Kühe an 6 Gemeinden) hat gute Ergebnisse. Allerdings ist die Gefahr, dass Kühe krank werden und Behandlungsmöglichkeiten fehlen, groß.

In manchen Gemeinden gibt es inzwischen Hühner- und Ziegenaufzucht.

 

Unsere Strukturhilfen

Wir konnten im vergangenen Jahr Fahrräder, Pirogen für die Flußgemeinden und den Außenbordmotor für die Arbeit des  Superintendenten zur Verfügung stellen, in diesem Jahr Fahrräder für die Frauenarbeit. Bei einem großen Treffen aller Präsidentinnen der Frauengruppen des Kirchenkreises Bolenge konnten wir jetzt 11 weitere Fahrräder für Frauen übergeben.

 

Der Höhepunkt: die Flußreise

Mit 2 großen Pirogen, aneinander gebunden, 2 Außenbordmotoren (40 und 15 PS), 3 Fässern Benzin, etwa 20 Leuten, ebenso vielen Matratzen, Trinkwasser in Flaschen (aus Kanada!), einem Generator, mehreren Neonleuchten – insgesamt eine  bewundernswerte Logistik! – fahren wir zunächst den Kongo abwärts, dann durch Verbindungskanäle den Ubangi aufwärts, über Mantuka und Bobangi bis Lilanga fast am Ende des Kirchenkreises Bolenge. Wir besuchen die Flußgemeinden.

An Bord: Kirchenpräsident Bonanga, Vizepräsident Mputu, Sup. Ngoy und seine Frau Bofy Ngoy, die Vorsitzende des Partnerschaftscomités, der AIDS-Beauftragte Alain Imbolo etc. Lehrer Loleka kennt die ganze Strecke  sehr genau und dirigiert Tag und Nacht, vorne stehend, durch Handzeichen die beiden Steuermänner hinten sicher an Sandbänken vorbei. Es gibt weder Licht noch Karte an Bord

Gesamtdauer der Reise: 5 Tage, 3 Übernachtungen in verschiedenen Dörfern , eine Nacht im Boot. Im Dorf Mantuka schlafen wir in einem extra für uns gebauten Lehmhaus mit 7 „Einzelzimmern“ und  2 Toilettenhäuschen aus Schilf dahinter.

Überall großer Empfang: die Menschen erwarten uns mit Palmzweigen und Gesang am Boot, der Gemeindepfarrer spricht ein Dankgebet, dass wir gut angekommen sind, dann erst steigen wir aus und werden unter Jubel und Gesang zur Kirche geleitet. In dieser Region sind seit 20 Jahren keine „Weißen“ mehr gewesen.

Von allen Seiten drängen sich Kinder und Erwachsenen in die Kirche. Chöre begrüßen uns mit Trommeln und ekstatischen Liedern.

Nach der Vorstellungszeremonie hören und sehen wir: In fast allen Gemeinden besteht großer Mangel an Medikamenten und Schulausrüstung. Auch die Gebäude – sowohl Kirche als auch Schulen sind aus Lehm, mit Schilfdächern - sind meist in sehr schlechtem Zustand, jegliche Ausrüstung fehlt.

In Mantuka taufen der Superintendent, der Gemeindepfarrer, Jutta May, Adolf Steinker, Matthias Schmidt-Klügmann als  Presbyter und ich sieben, in Lilanga 21 junge Leute durch Untertauchen im Fluß.

In jeder Gemeinde werden wir gut verpflegt und  zum Abschied reichlich beschenkt. Schließlich haben wir an Bord:

3 Ziegen, 4 Krokodile, 1 Gürteltier, 1 Leguan, 1 Eule, etwa 30 Hühner, viel Ananas, Zuckerrohr und sicher mehr als einen Zentner Bananen. Manches wird zu unserer weiteren Verpflegung genutzt, das meiste an Bedürftige in Bolenge und Mbandaka weitergegeben.

Rückreise: 22 Stunden auf dem Schiff- ohne Außenbordmotor kaum vorstellbar. Wir sind froh, dass wir dem Superintendenten für seine Besuche der Flußgemeinden einen Außenbordmotor finanziert haben!

 

Gelungene Nothilfe: die kleinen Pharmacien

In 5 der Flußgemeinden, die wir besucht haben, konnten im vergangenen Jahr dank unserer Nothilfe von 3.000 USD kleine Pharmacien eingerichtet werden: eine Lehmhütte, in der die wichtigsten Medikamente – gegen Malaria, Durchfall, fieberhafte Atemwegserkrankungen, Würmer, Verletzungen und Wunden – von einheimischen Krankenpflegern oder –schwestern gut verwaltet und  zu bezahlbaren Preisen abgegeben werden. Sie sind dort die einzigen erreichbaren Medikamente. Selbst der Direktor der vom Staat eingerichteten Medizin-Zone in Lilanga verfügt über keinerlei Medikamente und Ausrüstung und hat das Lehmhaus, in dem er Kranke behandelt, Geburten einschl. Kaiserschnitten und Impfungen durchführt, aus eigenen Mitteln bauen müssen, um der Bevölkerung ein Minimum an Versorgung zu ermöglichen. Weitergehende Behandlungen können wegen fehlender Ausrüstung nicht gemacht werden So sehen wir dort einen jungen Mann mit stark aufgeblähtem Leib und Beinen, für den eine Transportmöglichkeit zum Krankenhaus der Provinzhauptstadt Mbandaka ( 2 Tagereisen mit Boot mit Außenbordmotor) gesucht wird.

 

Die politische und wirtschaftliche Situation

Vierzig Jahre Diktatur und der jahrelange Krieg haben tiefe Wunden im Lande hinterlassen. Das Land liegt völlig am Boden (Infrastruktur, Straßen, Verkehrsmittel, Schulen, Gesundheitssektor).

Die demokratischen Wahlen haben große Erwartungen auf sofortige Veränderung geweckt, die  inzwischen aber ebenso großen Frustrationen gewichen sind: die alten Denk- und Handlungsmuster, nach denen man zuerst an seine (Groß)Familie denkt, sind noch voll im Schwange. Die Korruption ist groß. Parlamentarier verdienen 3000 – 4.000  USD im Monat, haben tolle Autos etc. Ein Wiederaufbauprogramm für das gesamte Land ist nötig und wird gefordert u.a. vom Leitenden Bischof der gesamten Protestanten im Kongo, Dr. Marini, der auch Senatsmitglied ist.

Die Lehrergehälter sind auf 70 $ abgesenkt worden und sollen jetzt um 30 $ erhöht werden. Konzessionen für die reichen Bodenschätze und für Holz sind von Kongolesen an ausländische Firmen verscherbelt worden. Eine Revision der Verträge wird vom Parlament gefordert, scheint aber kaum durchsetzbar.

Nach unserer Auffassung ist es nur der großen Leidensfähigkeit aufgrund des starken Glaubens zu verdanken, dass das Volk noch ruhig ist. Verantwortliche schließen allerdings eine blutige Revolution nicht mehr aus, wenn sich die Situation nicht ändert. Viele sagen: wir wollen nicht länger wie Tiere leben.

Aufgrund des völligen Versagens staatlicher Strukturen kommen den Gemeinden und den Pfarrern überall immense Aufgaben zu: Schulausbildung der Kinder und Gesundheitsfürsorge wird von der Kirche erwartet.

 

Weitere Hilfen dringend nötig

- Vorrangig sind  weitere kleine Pharmacien in den zehn sehr entlegenen Landgemeinden- Kosten etwa 500 USD pro Pharmacie.

- Ebenso dringend ist die Erweiterung des Mikrocredit-Programms.

- Die Frauen der Flußgemeinden brauchen jeweils eine Piroge.

- Für einige sehr entlegene Schulen, die nicht vom Staat unterstützt werden, wird eine kleine Finanzhilfe erbeten, ebenso wie für die Pastoren, die z.T. nur kleine Gehälter aus den Kollekten ihrer Gemeinden bekommen.

- Der Kirchenkreis Bolenge wünscht sich eine große Piroge für die weiten Fahrten zu den Flußgemeinden ( ca 4 -500 USD)

 

Unsere Botschaft:

Die Partnerschaft hat eine immense Bedeutung für die Menschen in der Region Bolenge – sie zeigt ihnen, dass die nicht total vergessen sind, stärkt ihren Glauben und ist die einzige Hilfe, die sie erreicht. Sie muss verstärkt fortgesetzt werden.

 

Dorothea Philipps , Pfarrerin i.R., 2.4.08

 

www.kirchedosued.de