Bolenge-Echo Nr.4 - Oktober 2006
Wie inzwischen mehrfach in der Presse zu lesen, ist die lange erwartete Delegation aus unserm Partnerkirchenkreis Bolenge im Kongo seit dem 12. Oktober hier in Dortmund. Die Delegation besteht aus dem Superintendenten Pfarrer Martin Ngoy, dem AIDS-Beauftragten der Jüngerkirche, Pastor Alain Imbolo – beide aus Bolenge – und der Krankenschwester Djimbonga Loodja Konga, die aus einem der sehr entlegenen Dörfer im tropischen Regenwald kommt und erst einen dreitägigen Fußmarsch bewältigen musste, um zu der Delegation in Bolenge zu stoßen. Das vierte Mitglied, der Jugendmitarbeiter Willy Bolemo, hat trotz Intervention unsererseits, kein Visum von der Deutschen Botschaft in Kinsahsa bekommen.
Die Delegation hat eine Menge Informationen mitgebracht – sie sind zusammengefasst im Bericht des Superintendenten für den Partnerschaftskreis und sollen im Folgenden z.T. wörtlich weitergegeben werden.
Bericht über die Partnerschaft im Kirchenkreis Bolenge
Vorgelegt von Superintendent Martin Ngoy
während des Besuchs vom 11.10. – 2.11.06 in Dortmund
Übersetzung Dorothea Philipps (wörtlich bzw. in Zusammenfassung)
I. Übersicht über den Kirchenkreis Bolenge
Aufgrund der Entscheidung des Verwaltungsrates der Jüngerkirche vom 31.1.06 bin ich zum Superintendenten des Kirchenkreises Bolenge ernannt worden…
Ca 10 km entfernt von der Provinzhauptstadt Mbandaka gelegen ist Bolenge als erste Missionsstation der Jüngerkirche am 17.4. 1899 errichtet worden. Der Kirchenkreis setzt sich aus 2 Achsen zusammen, der Landachse und der Flußachse.
Zur Zeit hat der Kirchenkreis Bolenge 25 Gemeinden und außerdem:
11 Primarschulen
4 Sekundarschulen
7 Gesundheitszentren
1 Evangelisches Krankenhaus..
1 Gesundheits –Koordinationsbüro
Insgesamt hat der Kirchekreis 9.299 Christen
II. Das soziale Leben der Christen im Kirchenkreis Bolenge
Im Allgemeinen leben die Christen in Bolenge von der Landwirtschaft, dem Fischfang, der Jagd und vom kleinen Handel.
Man geht früh am morgen aufs Feld, gegen 6.30 h und kommt nicht vor dem Abend gegen 17.30 bis 18.00 h wieder. Gefischt wird mit Netzen oder Angelhaken den ganzen Tag und manchmal auch gemeinsam die ganze Nacht.
Ehrlich gesagt, in unserem ländlichen Gebiet essen die Menschen nur einmal am Tage. Nachdem sie einen Kaffee ohne Milch getrunken haben, gehen sie aufs Feld und essen nichts bis 19h oder sogar 20 h.
Der kongolesische Christ im Dorf singt abends gern und liest die Bibel. Aber es fehlt ihm eine Bibel in Ingala oder Lomongo, ein Gesangbuch oder noch schwieriger: eine Brille zum Lesen…
Da es keine Transportmöglichkeiten gibt, sind die Dorfbewohner von einem gewissen Alter an von schweren Krankheiten bedroht. Man transportiert einen Kranken auf einer Trage aus Ästen und Matten mehr als 180 km zu Fuß in die nächste Gesundheitsstation.
Ebenso macht ein Pastor oder Katechist einen 3-Tage-Weg zu Fuß, um seinen Arbeitsbericht zum Zentrum des Kirchenkreises nach Bolenge zu bringen.
Das Leben eines Christen im Kongo ist sehr schwer, z.B. durch die Tatsache, dass ein armer Arbeiter nicht regelmäßig sein Geld bekommt, um das Schulgeld für die Kinder zahlen zu können. Wir haben Kinder aus einer Familie gesehen, die in verschiedene Klassen einer Schule gehen und sich einen einzigen Kuli oder Bleistift teilen müssen…
Wir haben ebenso von Familien gehört, die sich dasselbe Kleidungsstück teilen, um sonntags am Gottesdienst teilnehmen zu können. Die einen gehen diesen, die anderen den nächsten Sonntag zur Kirche, obwohl sie alle gerne an jedem Sonntag gehen würden. Daran kann man den Zustand von Leiden und Armut unserer Christen deutlich erkennen.
Wir beenden diesen Teil mit dem Bericht vom Brand unseres Krankenhauses in Bolenge.. in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 2006. Da wir keinen Brandschutz hatten, hat das Feuer in drei Tagen alles vernichtet. Die Ursache des Feuers ist bis heute unbekannt....
Das Krankenhaus in Bolenge ist sehr wichtig für das Leben der Christen. Es nimmt Christen aller Konfessionen auf.. Sogar unsere Nachbarn aus der Volksrepublik Kongo kommen in das Krankenhaus. So bitten wir euch zum Wiederaufbau des Krankenhauses beizutragen..
III. Kurze Geschichte der Partnerschaft
Nachdem durch die Anwesenheit von Pfarrer Bonanga und seiner Familie in Hörde von 1981 – 1987 die Idee einer Partnerschaft entstanden ist, hat es in den ersten Jahren viele gegenseitige Besuche gegeben
1986 Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages zw. KK Do-Süd und KK Bolenge
1986 Jugenddelegation aus Do-Süd in Bolenge
1987 Offizielle Delegation aus Bolenge in Do-Süd
1987/88 bis 1989/90 2 junge Männer aus Do-Süd arbeiten 2 Jahre in Bolenge
(Anderer Dienst im Ausland)
1988 Offizielle Delegation aus Do-Süd in Bolenge
1990 2 Besuchsreisen: Jugendmitarbeiter aus Do-Süd in Bolenge;
Delegation aus Bolenge beim Kreiskirchentag in Do-Süd
1994 Anläßlich der Partnerschaftskonsultation bei der VEM/Wuppertal Besuch
Bolenge in Do-Süd
1996 Jugenddelegation aus Bolenge in Do-Süd
Aufgrund des Krieges wurden die Besuche unterbrochen. Die Partnerschaft besteht nun über 2 Jahrzehnte
IV. Realisierte Projekte
Wir sind dankbar für manche Hilfe, die wir seit der Konsultation von Kinshasa im Mai 2004 erhalten haben.
1.Kampf gegen AIDS
Nachdem zunächst aufgrund von Missverständnissen das gesamte Geld ( 1 000 $) für das Mikro-Credit-Programm ausgegeben worden war, konnten 500 $ davon von den Frauen zurückgegeben und an Pfarrer Alain Imbolo übergeben werden, der es seinerseits an Willy Bolemo weitergegeben hat. Die Aufklärungskampagne ist auf den beiden Achsen des Kirchenkreises Bolenge d.h. auf dem Lande und am Fluß, durchgeführt worden.
2.Kuhprojekt
Nachdem zunächst 5 Gemeinden je ein Paar Kühe erhalten haben, sind inzwischen 3 Kälber geboren und an eine weitere Gemeinde gegeben worden. Vier Kühe sind trächtig. Diese Projekt ist auf einen langen Zeitraum angelegt und soll in Zukunft Gemeinden zu einem Einkommen verhelfen.
3. Micro-Credit
Aufgrund von Missverständnissen in der Kommunikation waren die 1 000 $, die 2005 zur Verfügung gestellt waren, bereits an Frauengruppen in verschiedenen Gemeinden weitergegeben worden, damit dort kleine Projekte verwirklicht werden konnten. Da bereits 500 $für die AIDS-Arbeit zurückgegeben sind ( s.o.), bleiben nun noch kleine Beträge in 9 verschiedenen Gemeinden. Die Frauen haben damit z.B. Mehl, Reis, Manioc, Palmöl produziert oder Fische verkauft.
Ein Teil des Geldes ist für den Transport verwendet worden.
Ausdrücklich wird die Ausbildung von Frau Ngoy als Anleiterin für Micro-Credit –Projekte begrüßt. Unglücklicherweise hätten die Frauen ja einfach ohne jede Ahnung Projekte angefangen und dabei viele Schwierigkeiten erlebt. Trotzdem sei das Geld nicht verloren gegangen, sondern in Projekte gemäß ihrer eigenen Ideen gesteckt worden.
Frau Ngoy wird sobald wie möglich eine Kurzausbildung als Anleiterin für Microcredit-Projekte in Kinshasa antreten. Dafür stellen wir 1 000 $ zur Verfügung.
4. Dank für Nothilfe
Besonderer Dank gilt für die im vergangenen Jahr nach den schweren Plünderungen geleistete Soforthilfe von 1 000 $. Das Geld wurde von Kirchenpräsident Bonanga nach seinen Vorstellungen verteilt und kam damals ausschließlich den Mitarbeitern der Gemeinde in Bolenge zugute.
V. Schwierigkeiten
Hier in Kürze einige Schwierigkeiten während der Übergangsperiode:
- Mangel an Kommunikationsmitteln beim Partnerschafts-Comité Bolenge. Das führt zu Verzögerungen der Korrespondenz und ruft Unzufriedenheit auf Seiten unserer Freunde in Dortmund hervor.
- Schwierigkeiten der Sprache, daher Unverständnis und falsche Interpretation der Texte oder Briefe
- Keine Finanzierung, seitdem der neue Superintendent im Amt ist - nicht einmal Kosten für die laufende Arbeit, für das Büro des Partnerschafts-Comités und das des Kirchekreises, das unter schwierigen Bedingungen arbeitet (es gibt dort kein Papier, Kulis, keine Schreibmaschine für die Korrespondenz, der Superintendent muß in der Provinzhauptstadt Mbandaka einen der wenigen kommerziellen internet-Anschlüsse aufsuchen und bezahlen mit u.U. langen Wartezeiten…)
- Keine Transportmittel – man geht zu Fuß oder nutzt ein Fahrradtaxi. Der Superintendent nutzt z.Zt. noch ein Motorrad, das der Unabhängigen Wahlkommission gehört, bei der er mitarbeitet.
VI. Zukunftsperspektiven
In der Sorge um das Wachsen des Werkes Christi in der Zukunft schlägt das Partnerschafts-Comité von Bolenge folgendes vor:
- Im Rahmen der stärkeren Verantwortung der Gemeinden an der Basis ist unsere erste Vision und Frage: wie können wir uns selber stärker in die Eigenverantwortung nehmen?
- Wir möchten den geistlichen Austausches auch außerhalb des jährlichen Partnerschaftssonntags intensivieren,
- Wir wünschen uns in Zukunft besonders den Austausch junger Freiwilliger wie es schon in der Vergangenheit möglich war
- Wir kämpfen gegen schlechte Verwaltung von Geldern, für Transparenz und Wiederherstellung eines Klimas des Vertrauens für einen neuen Anfang
Der Bericht des Superintendenten schließt mit einem Dank für die Einladung der Delegation und mit den Worten: „Wir wollen die Partnerschaft mit neuen Ideen verfolgen, mit neuer Ausrichtung, wohl wissend, dass die Grundlage unserer Gemeinschaft in Jesus Christus ist und nicht das Geld.“
Ich gebe diesen Bericht weiter in der Hoffnung, dass durch ihn und noch mehr durch die persönliche Begegnung mit den Mitgliedern der Delegation die Partnerschaft mit Bolenge noch einmal einen neuen Auftrieb bekommt, dass in den verschiedenen Gruppen und Kreisen Menschen bewegt werden können, die Anliegen unserer Schwestern und Brüder in Bolenge zu ihren eigenen zu machen und sie zu unterstützen.
In dem Zusammenhang möchte ich eine Anregung aus der gemeinsamen Sitzung des Partnerschaftskreises am 16.10. weitergeben: Wie wäre es, wenn Gemeindekreise etwa die Finanzierung eines oder mehrerer Fahrräder ( ca 100 $ ) übernehmen würden oder den Erlös eines Bazars zur Verfügung stellten?
Außerdem möchte ich noch einmal zu den beiden öffentlichen Veranstaltungen mit der Delegation einladen:
Mittwoch, 18.10.06 19 Uhr
Fritz-Heuner-Heim, Stockumer Str. 274
Podiumsdiskussion:
Die Kirche im Kongo hat AIDS.. und sie kämpft dagegen
Mit Pastor Alain Imbolo, AIDS-Beauftragter der Partnerkirche, Bolenge
Dr. med. Jörg Philipps, Minden, früher Bolenge
Christoph Schwab, VEM, Wuppertal
Moderation: Gerd Plobner, VKK
Mittwoch, 25.10.06 19.30 Uhr
Gemeindehaus Schüren, Schürener Str. 61
Kongo – Armes, reiches Land
Gesprächsabend mit der Delegation und Matthias Hollweg, VKK
Dorothea Philipps
17.10.06